KAFFEE IM SCHREIBHAUS

Rocio: Bisher gab es von Cornelia ja so regelmäßig wie möglich einen kleinen Bericht darüber, was in den vergangenen Wochen alles bei ihr passiert ist. Aber warum in Zukunft nicht einfach mit ihr darüber plaudern? Cornelia möchte, dass ihre Webseite für Euch persönlicher wird, möchte Euch viel mehr teilhaben lassen an ihrem “Alltag“ mit Familie, Freunden und natürlich mit Luna (oh ja, Luna hat auch viel zu erzählen – oder was habt Ihr erwartet von Cornelias Hündin?). Für gewöhnlich unterhalten wir uns – Schriftverkehr ist für Fellpfoten einfach eine Quälerei! Und diese Gespräche bringen oft das Beste in uns zum Vorschein, sie werden Spiegel unserer Seelen... oder unserer Mägen, wenn die leise knurren, obwohl wir sie schon mit so viel Kuchen gefüttert haben : )
Cornelia: Ja, los geht’s, Brujita! (Das heißt “kleine Hexe“ auf Spanisch und ist Rocios Kosename. Nicht, dass es wirklich auf sie zutrifft, denn sie ist meiner Meinung nach trotz ihrer Statur eine ziemlich mächtige, kleine Hexe Aber Brujita war ihr Spitzname als Kind, und weil sie das Kind in sich so vortrefflich bewahrt hat, passt der Name letztlich doch sehr gut).
Lass uns von nun an versuchen, gemeinsam von meinem wilden, wunderbaren Leben zu berichten, denn ich habe während meiner weltweiten Lesereise im letzten Jahr (seufz, bitte keine Flugzeuge mehr für dieses Jahr!) gemerkt, dass es meine Leser fasziniert, dass ich sehr oft mit Freunden und Familienmitgliedern zusammen arbeite (Hola, Insa! Was wäre diese Website ohne meine kleine Schwester!:))). Es gibt ja das Sprichwort, dass man Berufliches und Privates möglichst trennen sollte. Glaubt das bloß nicht! Das ist Unsinn! Es ist mit Abstand das Allerbeste, mit seinen Freunden nicht nur Kaffee zu trinken, sondern auch zu arbeiten! Wir verbringen alle viel zu viel Zeit mit Arbeiten, also warum nicht diese Zeit mit Menschen verbringen, die man sehr gerne (um sich) hat?
Als ich begann, mit meinem Freund Lionel Wigram an Reckless zu arbeiten, haben sich viele gefragt, was meine Leser wohl davon halten würden. Würden sie akzeptieren, dass ich eine Geschichte zusammen mit einem Freund erfinde? Ja, sie haben es akzeptiert. Sie fanden es sogar aufregend! Also hat LA Brujita vorgeschlagen, dass ich ihnen auch all die anderen Freunde vorstelle. Ich habe die Brujita übrigens auch durch die Arbeit kennengelernt – das passiert mir oft. Ich beginne, mit jemandem zu arbeiten und daraus entsteht eine Freundschaft. Was für eine wunderbare Sache.
Ich habe Brujita (eigentlich heißt sie Rocio Ayuso) zum ersten mal getroffen, als sie mich für die spanische Zeitung El País interviewte. Ihre Fragen waren so brilliant (sie läuft gerade rot an – das sieht sehr niedlich aus), dass ich ihr vorschlug, doch demnächst mal einen Kaffee zusammen zu trinken. Mittlerweile verabreden wir uns mindestens zweimal die Woche zum Frühstück (Huevos Rancheros für mich und Lachs für Rocio). Als ich ihr erzählte, dass ich es oft nicht schaffe, meinen Monatsbericht für meine Seite pünktlich zu schreiben, schlug Brujita vor, dass wir doch einfach eine monatliche Plauderei über all das, was passiert ist, einplanen könnten – was wesentlich angenehmer ist, als vor meinen Computer zu sitzen und über mich selbst zu schreiben. Und so ... sitze ich jetzt hier, mit Kaffee und Kakao und mit einer sehr guten Freundin, die auch noch eine sehr gute Journalistin ist – mit spanischem Akzent!
Rocio: Ich schätze, das bin ich, la Brujita Española, Akzent inklusive, mit zwei Persönlichkeiten: meine erste ist die Journalistin und meine zweite beinhaltet meinen Mann, Raul García, den besten Freund, den man finden kann und der Animations-Chef, nach dem man sein ganzes Leben lang sucht, und meine wunderbare Begleiterin Triple L, Lady Lucy Loca, eine Bonsai-Schäferhündin – manchmal Lady, meistens Loca (Verrückte) – die eines Tages in mein Haus kam, um die tiefen, tiefen Pfotenabdrücke in meinem Herzen zu füllen, die mein verstorbener Hund Melon dort hinterlassen hat. Und manchmal gelingt es ihr auch. Die in meinem und auch die Abdrücke in Rauls Herz ... auch wenn sie auf dem Weg dorthin seine Couch gefressen hat!
Cornelia: Ja, Dein Mann. Auch ein Freund, mit dem ich arbeite - obwohl ich anfangs dachte, Rocio hätte ihn nur erfunden, denn er war beruflich sehr oft in Europa. Raul wird Zeichnungen und Animationen für meine Webseite entwerfen. Wir sitzen auch bereits zusammen an einem Animations-Projekt.
Und da gibt es noch mehr Freunde, die mit mir zusammen arbeiten. Einer von ihnen ist sogar mein Cousin: Oliver, der die englischsprachigen Kleider für meine deutschen Wörter schneidert. Nicht zu vergessen meine Schwester und ihr Mann, (das Monster, wie ich ihn auch gern, und ich verspreche, liebevoll) nenne, ohne die ihr das hier gar nicht lesen könntet. Ich bin auch sehr gut befreundet mit meinem englischen Literatur-Agenten Andrew Nurnberg. Und mit Rainer Strecker, dem Schauspieler, der meinen Hörbüchern seine Stimme schenkt und mich auf meinen Lesereisen begleitet. Ich bin eng befreundet mit meinen Lektoren, mit Übersetzern und Verlegern in vielen Ländern. Das ist ein Grund dafür, warum ich so viel gereist bin in den letzten Jahren – um all diese Freunde zu sehen und zu besuchen, die ich auf der ganzen Welt gefunden habe. Es ist ein tolles Gefühl, Geburtstagsgrüße aus Moskau, London und New York zu erhalten ...
Aber letztes Jahr, auf meiner internationalen Reckless-Lesereise, da habe ich zum ersten Mal seit Jahren gefühlt, dass ich für eine Weile aufhören möchte zu reisen. Ich war es müde, in mein Gesicht im Spiegel zu sehen und das Gefühl zu haben, in eine Kamera zu schauen – denn sehr oft sind meine Reisen nun mal mit der Präsentation eines neuen Buchs gedacht und mit vielen Interviews und Terminen verbunden – weniger als mit dem Treffen von Freunden. Plötzlich war ich einmal zu oft die berühmte Cornelia und nicht die Cornelia, die so gerne einfach nur Kaffee trinken möchte mit Rocio. Ich habe zu mir gesagt: Cornelia, Du hast Dich nicht dafür entschieden, Schriftstellerin zu werden, um vor Kameras zu stehen oder auf Welttour zu sein. Du möchtest endlich wieder in Deinem Schreibhaus sitzen, für viele, viele Monate, ohne einen Koffer packen zu müssen! Du kannst mit Deinen Freunden skypen, aber lass das Reisen. Ich hatte so viele wundervolle Begegnungen mit Menschen auf der ganzen Welt, dass diese meine Vorstellungswelt für zehn Jahre füllen könnten! Aber das bedeutet auch, dass ich mir die Zeit nehmen muss, um mich an all das zu erinnern.
Rocio: Also, zurück in die Höhle? Cornelia ist zurück im Schreibhaus?
Cornelia: Ich hab das Jahr des Tigers geritten! Ich hab mich auf seinem Rücken gehalten, um seine Klauen zu meiden – obwohl ich sie manchmal doch gespürt habe – und jetzt werde ich das Jahr des Hasen genießen, in meinem Bau. Es war ein seltsames Jahr und ich habe erst spät begriffen, dass es so war, als hätte ich die Landkarte für mein neues Buch angelegt. Wirklich begriffen habe ich das erst am Ende meiner Lesereise in Spanien. Ich habe verstanden, dass meine Leidenschaft für all diese verschiedenen Orte und Menschen, die ich kennengelernt habe, meine Geschichte weiter füttern würde. So hat sich meine schon lang bestehende Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen, die oft nach einem stillen Ort verlangt, mit dieser noch jungen Leidenschaft fürs Reisen und Kennenlernen neuer Menschen verbunden. Mal sehen, ob ich es schaffe, die Balance zwischen beidem zu halten.
Rocio: Wo hast Du diese Verbindung zum ersten Mal erkannt?
Cornelia: Ich glaube, in Russland. Das hat mich sehr beeindruckt. Der Besuch bei meinen Verlegern dort war so inspirierend, so anders als der Ort, an dem ich inzwischen lebe, sehr viel dunkler, winterlich, melancholisch, aber auch wunderschön, anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte und gleichzeitig, wie ich überrascht fest stellte, dem Herz der Geschichte, die ich gerade entdecke, sehr nah!
Rocio: Jacob ist also mit Dir nach Moskau gereist?
Cornelia: Er ist immer mit mir unterwegs. Das ist das Problem mit ihm (Cornelia lacht). Allerdings zeigt er sich meist in stillen Momenten. Nicht, wenn man sich mit Leuten trifft, sondern hinterher, wenn man wieder im Hotelzimmer ist und einem alles, was man am Tag erlebt hat, bewusst wird (deshalb sind diese stillen Momente so wichtig). Die Verbindung zwischen meinen beiden Leidenschaften wurde mir besonders bewusst, als ich mit meinem Literaturagenten und guten Freund Andrew Nurnberg einen abendlichen Spaziergang über den Roten Platz machte. Vielleicht hast Du als Spanierin eine andere Assoziation mit Russland, als ich sie als Deutsche habe.
Rocio: Für mich bedeutet Russland Kälte.
Cornelia: Für mich bedeutet Russland auch Bedrohung, weil es die Berliner Mauer in Erinnerung ruft und all das, was diese repräsentierte. Andererseits wuchsen wir mit dem Wissen auf, dass Russland Europa zweimal gerettet hat, vor Napoleon und vor Hitler, und dafür mehr bezahlen musste als jede andere Nation. Und da war ich nun – auf dem Roten Platz! Auf dem (sie wiederholt es mit gesenkter Stimme) Roten Platz! Einer dieser Orte - dieser Plätze der Macht, der Dunkelheit - aber auch des Lichts, denn er steht ebenso für den Traum von der sozialistischen Revolution. Und wir haben gesehen, wie dieser Traum zerbrochen ist. So stehst Du dort und es ist noch so viel schöner, als Du es Dir vorgestellt hattest, so voller Schwermut und Leidenschaft, vertraut und fremd zugleich. Ich erinnere mich daran, wie ich zurück zum Hotel ging und dann nicht einschlafen konnte (was mir selten passiert), weil mein Kopf vor Ideen schwirrte. “Oh mein Gott!“, dachte ich. “Es werden nicht drei Bücher über Jacobs Abenteuer werden! Es werden mindestens fünf!“ Und die Schriftstellerin in mir dachte: ’Wenn jedes Buch mich zwei Jahre meines Lebens kostet, bedeutet das, dass ich zehn Jahre in der Reckless-Welt bleiben werde.’ Natürlich legte sich da ein breites, schadenfrohes Lächeln auf Jacobs Gesicht. Ich hatte schon immer geplant, dass die russischen Märchen im dritten Band eine Rolle spielen werden, aber damals auf dem Roten Platz spürte ich plötzlich einen Charakter, von dem ich bis dahin noch nichts wusste. Ich kann noch nicht mehr darüber sagen, aber er könnte eines Tages eine größere Rolle in der Geschichte spielen. Warten wir’s ab!
Rocio: Und von diesem Moment an war Cornelia Funke auch bekannt als Cornelia die Grausame, weil sie uns den Atem anhalten lässt, bis wir Jacobs Fußstapfen weiter folgen – für die kommenden zehn Jahre!
Rocío Ayuso, Los Angeles, 14. Februar 2011


